HIGHWAY NUMBER ONE

21.05.2010, 10:12 PM

Unser japanisches Auto startet nicht. Dafür sind wir jetzt wirklich wach. Keine Batterie. Hilfsbereit, planlos, aber alle gemeinsam helfen fremd starten. Natürlich. Und schaffen es.

Die Reise geht weiter. Wir checken endgültig aus. Fast wehmütig. Wie warm dieses Haus doch ist, am Wasserfall, am Hang, ganz nahe am Mittelpunkt der Erde. Wie wunderbar heimelich. Schon bei Eintritt, mit dem allerersten Schritt hinein, umhüllt es mit wohliger, herzlicher Atmosphäre, augenblicklich, vielleicht durch die perfekte Harmonie von Licht, Duft, Farbe, Klang und den Menschen darin. Es weht ein Duft von Holz, Schwefel, Räucherstäbchen. Wasser plätschert, der Boden knarzt, schnelles Huschen darüber in einfachen Hauslatschen. Hinter sich bleibt der Alltag. Man zieht sich um. Braucht nichts, alles ist vorbereitet, bis zur Zahnbürste, bis zu den Socken. Alle Bewohnen tragen dasselbe Kleid - nur der Mensch zählt. Jeder Raum ist auf das Wenigste reduziert und besteht aus verschiedenen Holzarten, der Boden aus Tatamimatten, die Wände sind grün gestrichen, die Fenster gross. Unser ZImmer besteht bei Eintritt aus einem Tisch und Sitzkissen, einer Lampe, drei Bildern. Die Bettmatten liegen im Schrank und werden nach dem Abendbrot ausgerollt. Mehr wird nicht gebraucht, auch unsere Kinder brauchen nicht mehr. Schön zu sehen, im leeren Raum alles zu finden. Der Aufenthalt in den Bergen am Lake Tazawa-ko ist vielleicht das schönste Gefühl das wir hier in Japan erleben. Vielleicht.

Raphi und Leah bekommen Abschiedsgeschenke, Birnensaft und Kekse. Das gesammelte Team verabschiedet uns vor dem Haus, nimmt uns die Taschen aus der Hand um sie ins Auto zu bringen, winkt, verbeugt sich, lässt uns Gastlichkeit spüren. Leah meint, sie mögen uns, weil wir Kinder sind. Raphi meint, das Auto könne kippen - warum auch nicht - wir sind ja auf dem Berg, am Hang. Immer und immer ein Verbeugen, ein komisches Gefühl, natürlich verbeugen wir uns ebenfalls, wenn auch weniger tief, da es uns fremd ist. WIr tun es mit gemischten, fremden Gefühlen. Können wir Ihnen gleichermassen respektvoll entgegen treten, reagieren wir richtig, angemessen? Hoffentlich, schnell jetzt los, aus dieser Situation heraus kommen. Am nächst gelegenen Parkplatz bleiben wir stehen; uns organisieren. Kinderfernsehen. GPS. Taschen richtig verteilen.

Es geht los in einen Tag auf der Strasse. Noch wissen wir nicht, dass wir abends, 8 Stunden später ankommen, bei Anbruch der Dunkelheit. Der Tag ist lang, die Kinder tun sich schwer den Weg zu bewältigen, wir genauso. Unser einziger Halt ist an einer Raststätte und Stunden später ein Stop am Meer. Die Landschaft ist überwältigend. Der Weg führt durch Berge, über flaches Land, über Felder, Wiesen, Wälder, ans Meer, durch Nebelfelder, durch Städte, Dörfer, Industrie, Einkaufszentren, vorbei an Schulen, Gärten, kunstvoll geschnittenen Hecken, Gewächshäusern, Spielplätzen, Windrädern, Kühen und immer wieder vorbei an roten torii. Am Ende, wir zählen die Kilometer, fahren wir nur mehr neben dem Meer. Wir nennen es Highway Nr.1. Endlich unser Ziel: Wakinosawa. Sind hier Affen? Oder sind wir sie selbst, da wir wegen ihnen so lange gefahren sind?

In unserer Herberge gibt es kein Abendbrot, da wir zu spät sind, Punkt verpasst; 7 pm. Anstelle dessen gibt es Toastscheiben mit Gurke und Marmelade. Kein anderer ist in der Herberge, wir fühlen uns ein wenig beobachtet, wenn auch gut aufgenommen. Wir müssen uns den genauen Zeiten und Ritualen anpassen: vor dem Schlafen duschen, um 9.30 pm ins Bett gehen, oder uns leise ins Zimmer zurückziehen. Warmes Wasser gibt es nur um 8 pm. Der Rhythmus ist fest, unserer ziemlich durcheinander. Der Takt stimmt dieses Mal nicht ganz. Der Weg heute hat uns viel Zeit gekostet, die Landstrassen sind mühselig, langsam, kurvig. Wir haben uns verschätzt - , sind uns unschlüssig ob sich der Weg gelohnt hat. An der Wand hängen Fotos von Affen, Raphi zeigt darauf und sagt "Da! Raphi!", nun ja ...