ZUM TOR IN DIE UNTERWELT

22.05.2010, 11:10 PM

Der Aufenthalt auf der Halbinsel Shimokita lohnt sich: Die Sonne scheint, Jazz Musik lädt zum Frühstück bei den Herbergseltern. Wie jedes mal gibt es Reis, Misosuppe, Salat, Gemüse. Wir brechen auf; in den Wald, wo vielleicht - "maybe, maybe, maybe" - Affen herumlaufen. Einen finden wir: auf der Karte als Zeichnung. WIr gehen ans Meer zum Sandspielen und Plätschern, nach der langen Autofahrt gestern, ein wichtiges Zugeständnis: Heute müssen die Kinder frische Luft atmen, sich frei bewegen. Niemand ist hier. Die Häuser sind eingefallen, sehen provisorisch aus. Keine Touristen. Kein Englisch. Japan, ganz tief. Eine Frau führt uns zum kleinen Laden, wegen "Ice cream". Immer gehen die Menschen mit, um uns den Weg gemeinsam zu weisen. Bei Hitze schlendern wir mit der Frau die Dorfgasse längs zum kleinen Supermarkt, wie absurd, wie wirklich, wie echt, wie unfassbar. Momente die einen Anker bekommen. Hier am Ende der Welt, weit weg von zu Hause, weit weg von unsere Infrastruktur. Es ist nichts besonderes und dennoch fühlen wir uns wie Schauspieler auf eine Bühne gestellt, dieses zu erleben, ohne Teil davon zu sein. Wir gucken für ein paar Tage durch ein Fenster in eine andere Welt. In eine schöne, fremde Welt. Zum ersten Mal fällt Raphi heute auf: "Kindergarten weg!" - dennoch sagt er auch: "Nach Hause". Langsam verstehen wir auch was er meint: nicht unser zu Hause in Hamburg, sondern ein Bett, ein Ort zu ruhen um die Türe zu zumachen, Rezeptoren auszuschalten.

In der Mittagshitze fahren wir weiter zum "Berg der Angst"; Osorezan. Oft werden wir in Japan mit Tod konfrontiert. Hier vielleicht das intensivste Mal. Durch den Tempel kommen wir auf steiniges Gebiet mit blubbernden Schlammlöchern, übersät von Steinskulpturen und von Menschen gebauten Steinhaufen. Man glaubt hier mit den Toten in Kontakt treten zu können. Im Juli kommen hierfür Medien an diesen Ort. Immer wieder rote Windrädchen, Kopftücher über Skulpturen, persönliche Dinge. Die Menschen bringen Dinge hierher, die deren verstorbenen Angehörigen sehr mochten. Ein Schokoriegel "KitKat", ein Sonnencap, Dosenlimonade. Wir bleiben Stunden, einerseits fasziniert von der Natur, der vulkanischen Landschaft, andererseits angezogen von der Art des Auseinandersetzung, der Präsenz von Heiligkeit. Wir fühlen uns wohl hier, trotz der Themen wie "Tod" und "Angst". Die Gegend wirkt beruhigend, hoffnungsvoll, meditativ. Die Farben sind zu intensiv, zu rot, zu grün, um traurig zu werden. Unsere Kinder spielen mit Steinen, mit Sand, mit Hölzern, mit den Windrädchen, mit den Skulpturen. Leah fragt ob die japanischen Götter auch die Menschen in Deutschland sehen können und umgekehrt. Wir denken ja. Die Skulpturen haben grosse Ohren. Alles ist zum Anfassen, es gibt keine Aufseher. Es liegen Millionen von Figuren herum, über und über einander. Die Kinder benutzen sie um uns vier sogar nach zu spielen, sich darin selbst zu finden.

Noch immer sind wir unschlüssig wie weit wir fahren wollen, wo wir übernachten. Es ist 6 pm, wie fahren, im Dorf, zum Family Mart, essen nach dem Bezahlen im Supermarkt, bekommen dafür viele lächelnde Botschaften. Wir essen Sushi ohne Stäbchen. Und Pizza, für Leah: endlich wieder etwas anderes als Reis!.Wir fahren weitere zwei Stunden um in Hachinohe unser "Zuhause" zu finden. Schön! Einziehen, zurückziehen. Augen, Ohren und Mund zumachen. Eindrücke verarbeiten.