FISCH, WEIHRAUCH UND WASSER

26.05.2010, 08:01 PM

Zwischengedanken. Zwischenbilanz. Der Urlaub geht nach unten, neigt sich, fällt abwärts, Ende in Sicht. Wie schade, dass es ein Ende gibt. Nein, es soll nicht vergehen! Hamburg ist fern. Ja, es ist Urlaub, kein Grund sich unwohl zu fühlen. Wir sind auf der Reise zu viert, in Freiheit, geniessen jeden Tag, ohne Verpflichtung. Die Einladung im Jetzt zu wohnen, dennoch auf der Suche nach Highlights, nach Ereignissen. Sind es westeuropäische Gedanken, auf der Suche nach Zielen? In Kanazawa gestern tranken wir Matcha-Tee im Teehaus, vor uns war ein wundervoller Garten. Wir tranken Tee, dabei in Gedanken an: Wird Raphi aufwachen? Sitzen wir richtig? Hört der Regen auf? Ist Leah leise genug? Unser Leben im Jetzt: besorgt, gehetzt, gezielt. Der Tee war nebenbei, nicht ganz - der bittere Geschmack nahm sich einen Gedanken, die Süßigkeit war aussergewöhnlich. Selten gelingt es loszulassen, dahin zu treiben, im Garten zu schwelgen. Vielleicht besonders mit den Kindern. Andererseits besonders mit Kindern sitzen wir im Jetzt, sind wir angehalten, durch das aus dem Nichts kommenden Fragen, durch den Anblick ihrer Art das Leben zu erfahren. Es ist eine sehr besondere Reise für uns vier, das erste Mal zu viert lange, weit weg vom Alltag auf der Reise. Jeder Tag ist anders, ist herausfordernd. Wir übernachten beinahe jede Nacht woanders, ziehen ein, beziehen ein anderes, fremd riechendes Bett, erkunden neue Orte. Für die Kinder setzt es enormes Vertrauen voraus. Enorme Flexibilität. Leah ist schon größer, versteht ein wenig mehr, sieht den Tag an sich als Ganzes. Versteht dass wir neue Ziele aufsuchen, versteht aber weniger das Gesamtkonzept. Sie freut sich über die Abwechslung, ist völlig unkompliziert, ist weich im Fluss der Dinge. Durch die Reise wird wie vertrauter, erzählt aus dem Nichts Dinge von ihr selbst, überrascht uns mit lustigen Gedanken. Raphi kann die Augen schliessen wenn es zu viel wird, oder er nimmt sein Plastik-Boot und taucht ab. Er nimmt beinahe alles als Linie zum Fahren, den Fenstersims, die Bettdecke, die Berge schlägt, der Klebestreifen zwischen zwei Tatamimatten. Schiebetüren sind Züge. Auf dem Rücken von Leah fährt er Taxi. Ganz oft spielen wir zusammen Geburtstag. Wir hätten all unsere Spielsachen zu Hause lassen können, überall finden sie Dinge, finden das Detail, finden Punkte, finden ihren Moment und nehmen uns manchmal mit.

Skilagergefühl, Weltgefühl, Freiheitsgefühl. Heute ziehen wir ins Backpacker Hostel in Kyoto für zwei Nächte. Ein gemütlicher Ort mitten in Gion, Geisha Viertel. Sofort lieben die Kinder unser Zimmer, da es zwei Stockbetten hat; wir schlafen alle oben. Viele weltoffene Menschen auf der Reise wohnen hier. Sofort fühlen wir uns zu Hause, geniessen die kleine Oase, das Haus. Unten gibt es eine Gemeinschaftsküche. Strassenschuhe sind nicht erlaubt, alles ist sehr sauber, was es noch einfacher macht sich hier wohl zu fühlen. An den Wänden kleben Fotos und kleine Zitate, Mangazeichnungen, Persönliches.

Kyoto überrascht uns. Vielleicht hat man von Kyoto eine Vorstellung; groß, modern, voller kultureller Höhepunkte, nicht erfassbar. Über üppige Hügel fahren wir hinein um ganz plötzlich da zu sein, mittendrin. Es fühlt sich an wie ein Dorf (1.464.990 Millionen Einwohner), die Häuser sind niedrig, durcheinander gewürfelt, zum Teil verfallen, provisorisch, zum Teil mit ungewöhnlichen Fassaden, die ohne Übergang aufeinandertreffen, chaotisch, grotesk, auch hässlich, im Detail auch hübsch. Unten ist ein breites Flußbett mit viel Grün, vom Stadtkern aus kann man Natur sehen, die Hügel die es umgeben. Kyoto ist absolut eingebettet in Natur. Der Himmel ist wild heute, die Wolken ziehen schnell, verhängen sich an den Hügeln und ziehen mühsam nach oben. Wir durchgehen kleine Gassen, große Einkaufspassagen, gehen zum Nigishi-Markt. Kyoto ist anders, wir sehen viele Nicht-Asiaten, viele Touristen. Wir erleben das erste Mal aggressivere Autofahrer, unfreundliche Verkäuferinnen, ein anderes Japan als bisher. Ein wildes Durcheinander. Viele, viele Menschen und Kulturen nebeneinander. Kyoto ist geschäftig, wuselig, kommerziell. Es riecht nach Fisch, Weihrauch und Wasser. Bei Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich Kyoto zu einem Meer von Lichtern und Laternen. Es wirkt geheimnisvoll, verrucht und romantisch. Kyoto strahlt aus, bergt unheimliche Energie, wirkt mystisch. Hier ist mehr. Verborgen. Würde die Erde aufreissen, dann wäre es hier.